Saisonarbeiter in Deutschland: Ausbeutung trotz neuer Gesetze und Tarifverträge
Philipp HuberSaisonarbeiter in Deutschland: Ausbeutung trotz neuer Gesetze und Tarifverträge
Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft sehen sich weiterhin harten Bedingungen ausgesetzt – trotz jüngster gesetzlicher Änderungen. Berichte decken illegale Lohnabzüge, extreme Arbeitszeiten und menschenunwürdige Unterkünfte auf Dutzenden Höfen auf. Gleichzeitig sind die Kontrollen seit 2020 drastisch zurückgegangen, was Zweifel an der Durchsetzung der Vorschriften aufkommen lässt.
2023 waren rund 243.000 Saisonkräfte in der deutschen Landwirtschaft beschäftigt. Doch die genaue Zahl – und woher sie stammen – bleibt unklar. Offizielle Daten bestätigen nicht, wie viele Arbeiter aus Rumänien, Bulgarien oder Kasachstan anreisen, obwohl diese Länder als wichtige Herkunftsländer für Arbeitskräfte gelten.
Untersuchungen förderten Fälle zutage, in denen Beschäftigte bis zu 70 Stunden pro Woche arbeiten mussten und in beengten Wohnverhältnissen lebten. Auf einem Hof in Hessen wurde ein 15 Quadratmeter großer Frachtcontainer für über 2.000 Euro monatlich vermietet. Auf einem anderen Betrieb wurden illegale Lohnabzüge von fast 1.000 Euro dokumentiert.
Die Zahl der Kontrollen ist stark gesunken: von knapp 1.200 im Jahr 2020 auf nur noch 274 in diesem Jahr. Der Rückgang fällt mit einer Gesetzesänderung zusammen, die sozialabgabenfreie Kurzzeitarbeit von 70 auf 90 Tage pro Jahr ausweitete. Kritiker warnen, dass dies die Arbeiter mit weniger Schutz zurücklässt.
Ein kürzlich ausgehandelter Tarifvertrag brachte landwirtschaftlichen Beschäftigten eine Lohnerhöhung von 10 Prozent über 33 Monate. Ungelernte Saisonarbeiter erhalten jedoch in den ersten vier Monaten weiterhin nur den gesetzlichen Mindestlohn. Der Deutsche Bauernverband fordert sogar einen Abschlag von 20 Prozent auf diesen Mindestlohn für ausländische Arbeitskräfte – unterstützt von AfD und CDU.
Die dokumentierten Missstände deuten auf ein tief verwurzeltes Problem im deutschen Agrarsektor hin. Mit weniger Kontrollen und schwächeren Schutzmechanismen bleiben Saisonarbeiter anfällig für Ausbeutung. Die neue Lohnvereinbarung und die gesetzlichen Änderungen haben ihre drängendsten Probleme kaum gelindert.






