Der Flaggenstreit von 1926: Wie Hindenburgs Verordnung die Weimarer Republik spaltete
Julian HerrmannDer Flaggenstreit von 1926: Wie Hindenburgs Verordnung die Weimarer Republik spaltete
Ein langjähriger Streit um die deutsche Nationalflagge erreichte 1926 einen Wendepunkt. Die Auseinandersetzung spaltete das Land: Die politische Rechte unterstützte Schwarz-Weiß-Rot, während die Linke und die Mitte an Schwarz-Rot-Gold festhielten. Am 5. Mai jenes Jahres erließ Reichspräsident Paul von Hindenburg eine neue Verordnung, um die Spannungen zu entschärfen.
Der Schritt war kalkuliert – er sollte die Linke und die Mitte zwingen, sich für Schwarz-Rot-Gold einzusetzen, während gleichzeitig der Rechten ein Zugeständnis gemacht wurde. Der Flaggenstreit hatte die Gräben in der Weimarer Republik weiter vertieft. Die Verfassung von 1919 hatte versucht, den Konflikt mit einem Kompromiss beizulegen, doch die Frage, wie der Staat repräsentiert werden sollte, blieb ungelöst. Mitte der 1920er-Jahre war die Auseinandersetzung weiterhin unentschieden und spiegelte die allgemeine Instabilität der jungen Republik wider.
Ein besonderer „Reichskunstbeauftragter“ wurde damit betraut, eine einheitliche Flagge zu entwerfen. Trotz zahlreicher Vorschläge fand kein Entwurf Zustimmung. Edwin Redslob, der Reichskunstwart, bevorzugte ein markantes Design: rote und gelbe Viertel mit einem schwarzen Balkenkreuz obenauf. Doch der Streit ging weiter.
Anfang 1926 drängte die Deutsche Volkspartei (DVP) auf eine Rückkehr zu den alten kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot. Reichskanzler Hans Luther, eine überparteiliche Persönlichkeit, reagierte mit einem Vorschlag. Hindenburg unterzeichnete daraufhin die Zweite Flaggenverordnung. Das Dekret bestimmte, dass deutsche Vertretungen außerhalb Europas sowohl die Nationalfarben (Schwarz-Rot-Gold) als auch die Handelsflagge (Schwarz-Weiß-Rot mit den kaiserlichen Farben im Oberliek) hissen sollten.
Die Initiative trug wenig zur Versöhnung bei. Stattdessen verschärfte sie die politischen Fronten und sorgte dafür, dass sich Linke und Mitte noch entschlossener für Schwarz-Rot-Gold einsetzten. Ähnliche Flaggenkontroversen hatte es auch in Frankreich, Kanada und dem Vereinigten Königreich gegeben. Doch in Deutschland zog sich der Streit bis 1933 hin – ein anhaltendes Symbol für die inneren Kämpfe der Republik. Die Verordnung von 1926 beendete den Flaggenkonflikt nicht. Sie machte vielmehr die tiefen Spaltungen innerhalb der Weimarer Republik deutlich. Die Frage blieb bis zum Untergang der Republik ungelöst und hinterließ ein Erbe politischer Spannungen, das mit den nationalen Symbolen verbunden war.






