Wie das Ende der gedruckten OTZ eine Region veränderte – und Oma Paluschke ins digitale Zeitalter zwang
Paul SimonWie das Ende der gedruckten OTZ eine Region veränderte – und Oma Paluschke ins digitale Zeitalter zwang
Fast ein halbes Jahrhundert lang verließ sich Oma Paluschke auf ihre tägliche Ostthüringer Zeitung (OTZ). Doch im Frühling 2023 stellte die Zeitung den Druck in elf Gemeinden rund um Greiz ein – darunter auch in ihrer. Der plötzliche Wandel traf viele langjährige Leser unvorbereitet und stellte sie vor Herausforderungen.
Die Änderung kam mit wenig Vorlauf. Funke, der Verlag hinter der OTZ, gab den Abonnenten nur acht Wochen Zeit, um sich auf das Ende der gedruckten Zustellung einzustellen. Rund 300 treue Leser, darunter auch Oma Paluschke, erhielten Tablets und eine grundlegende Einweisung, um die E-Paper-Version nutzen zu können. Doch fast die Hälfte ihrer Bekannten kündigte stattdessen einfach das Abo.
Ohne die OTZ griffen viele in Greiz zu kostenlosen Anzeigenblättern mit einer der AfD nahestehenden Tendenz. Manche lasen nur noch das Amtsblatt der Gemeinde. Gleichzeitig begann der Heimatbote Vogtland – eine Online-Plattform mit Verbindungen zu rechtsextremen Akteuren –, seine eigene lokale politische Agenda zu verbreiten.
Das Netzwerk Recherche untersuchte später im Rahmen seines Projekts "Lückenfüller" die Folgen des Umbruchs in Greiz. Die Forscher stellten fest, dass die überstürzte Digitalisierung Lücken in der Nachrichtenversorgung der Bevölkerung hinterließ. Oma Paluschke jedoch fand sich mit der Zeit zurecht: Sie las die E-Paper-Version und wagte sich sogar ans Online-Dating.
Der digitale Wandel der OTZ veränderte die Mediengewohnheiten in Greiz nachhaltig. Einige nahmen die Umstellung an, andere wandten sich alternativen Quellen zu. Gleichzeitig eröffnete der Wandel Plattformen mit klaren politischen Ausrichtungen die Möglichkeit, in der Region an Einfluss zu gewinnen.






